
In dem Predigen von Jesus ist eine Sache entscheidend: Das, was er als das „Reich Gottes“ beschreibt.
Die Bewegung, die sich um ihn sammelt, sehnt sich nach dieser versprochenen neuen Realität: Nach dem Umsturz der politischen und wirtschaftlichen Strukturen, die sie erdrücken; nach einem gemeinsamen einfachen Leben in Gerechtigkeit und Frieden und Freiheit; vielleicht sogar nach einem Leben, das die Macht des Todes überwindet.
Doch die frühe Kirche beginnt mit einer Enttäuschung: Auch nach Jesu Tod und Auferstehung sind Unrecht und Gewalt noch überall. Die Menschen scheinen weiterhin dem Tod ausgesetzt. Wie kann das sein, wenn sich doch alles entscheidend geändert hat?
Die frühe Kirche lebt in einer Spannung und kommt zum Schluss: Die große Veränderung steht noch aus. Erst mit Jesu Wiederkehr kann das Reich Gottes definitiv einbrechen. Johannes von Patmos beschreibt dieses „neue Jerusalem“ eindrücklich in dem allerletzten Buch der Bibel. Maranatha, schließt es: Komm, Herr Jesus.
Besonders mennonitische Theologen haben häufig betont, dass die Kirche in dieser Zwischenzeit eine besondere Rolle einnimmt: Sie ist ein „Außenposten“ von dem kommenden Reich. Sie ist jetzt schon der kommenden Herrschaft Jesu in allem loyal; Christen und Christinnen sollen miteinander jetzt schon nach den Maßstäben leben, die dann einmal auch für alle Welt gelten werden. Indem sie das tun, zeigen sie, dass die Hoffnung auf Gott realistisch und wirkmächtig ist.
Ich weiß nicht, ob ihr diesen Gedankengang attraktiv findet. Ich bin zerrissen: Einerseits ist es ein Ansporn für die Kirche, miteinander gut umzugehen, und Räume der Freiheit und der Gerechtigkeit zu bilden inmitten einer unfreien und ungerechten Welt. All das ist auch heute dringend nötig.
Aber andererseits ist diese Idee auch ein Rezept für Probleme. Sie kann leicht in ein toxisches Reinheitsdenken kippen und die Grundlage bilden für Konformismus und Kontrolle. Wer der Kirchenleitung nicht gehorsam ist, so wurde es häufig ausgelegt, widersetzt sich also gegen die Herrschaft Gottes auf Erden. Wer nicht so lebte, wie die (übrigens ausschließlich männliche) Leitung es wollte, wurde aus der Gemeinschaft ausgeschlossen. Reinheit, Gehorsam, Selbstgerechtigkeit – die mennonitische Geschichte ist voll davon.
Dabei hat das Reich Gottes, so wie Jesus von Nazareth es tatsächlich predigt, ganz und gar nichts mit diesen Sachen zu tun. In Jesu Worten wird das Reich Gottes als ein widersprüchliches und unordentliches Geschehen erkennbar. Wer sich selbst zu den Gerechten zählt, ist draußen (Lk 18,14); wer aber draußen ist, ist drinnen (Lk 14,21-23). Wer sein Leben erhalten will, wird es verlieren; wer es verliert, wird es gewinnen (Lk 9,24). Armut ist Reichtum (Mt 19,21); Leitung ist dienen (Mt 20,27); Eintritt erhält, wer für Jesus da war, ohne ihn je erkannt zu haben (Mt 25,44).
Wann kommt das Reich Gottes?, fragen einige Menschen Jesus (Lk 17,20). Sie sind nicht in Galiläa, sondern unterwegs, in einem Grenzgebiet.
Und die Fragenden sind nicht seine Nachfolger und Nachfolgerinnen, sondern Pharisäer: Gewissenhafte Menschen, die es gerne richtig machen. Sie mögen keine Überraschungen. Wann kommt es? Woran können wir es erkennen? Sie wollen es genau wissen.
Doch genau das ist der Fehler, scheint Jesus zu sagen.
„Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man’s beobachten kann; man wird auch nicht sagen: Siehe, hier ist es!, oder: Da ist es! Denn siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch. (Lk 17,20-21)“
Das Reich Gottes ist nicht dort, wo du es meinst zu haben. Es ist nicht irgendwo, wo die Menschen es kontrollieren könnten:
Es kommt, ist eine Erwartung und ein Versprechen, flüchtig und noch unvollständig. Aber, gleichzeitig: wenn du es einfach erwartest, wenn du es mit sicherem Abstand in die Zukunft auslagern willst—dann ist es doch schon da. Unscheinbar, und doch alles verändernd: Dort, wo du bist.
Marius van Hoogstraten