Petrus steht am Ende seiner eigenen Welt—im Haus des Kornelius. Niemals hätte er sich träumen lassen, dass er das Haus eines Nichtjuden betreten würde, noch dazu ein verhasster Besatzer!
Die Grenze zwischen Israel und den Völkern, markiert durch Beschneidung, Sabbat und Speisegebote zeigte doch gerade, wie Gott sich wünschte dass alle lebten. Sie sollten rein und heilig sein, so wie Gott heilig ist.
Selbst Jesus hatte sich daran orientiert und betont, dass er zu den Kindern Israels gesandt sei. Doch nachdem der Heilige Geist Petrus zuerst seltsame Träume und dann unerwartete Gäste beschert hatte, war er zu neugierig, um nicht mitzukommen. Das wirkte genau wie etwas, dass Jesus tun würde und ihm folgte er, auch wenn er jetzt selbst aktiv werden musste. Es war beunruhigend aber auch begeisternd, selbst sich ins Neuland zu begeben.
In der Begegnung mit Kornelius merkt Petrus, dieser ist selbst ein Grenzgänger zwischen der Welt Roms und seiner Faszination für den Gott Israels. Nun spricht Petrus diesen Satz, der uns als Monatsvers im Juni begleitet.
Petrus bezeugt, dass er nicht von selbst seine Meinung geändert hat. Gott selbst war es, der Petrus starres Verständnis davon, was es heißt Gott treu zu sein, öffnete und ihm zeigte: Gottes Gnade ist viel weiter als die Grenzen unserer Vorstellungskraft. Ich erlebe darin eine große Erleichterung, denn ich kenne das Gefühl, mich selbst in etwas verrannt zu haben. Die gute Nachricht ist, dass Gott noch nicht damit fertig ist, uns die Weite seiner Liebe zu zeigen.
Ironischerweise ist es gerade das Christentum, dass leider immer noch oft als Legitimationsstruktur benutzt wird, um queere Menschen zu diskriminieren. Viele meinen damit tatsächlich Gottes Willen zu erfüllen. Doch Petrus Bekenntnis hier entzieht einer solchen Argumentation den Boden: Menschen kann man nicht unheilig nennen, das ist ein Kategorienfehler. Menschen tun vielleicht Dinge, die sie unrein machen, Aber die Würde des Menschen, begründet in seinem von Gott Geliebt-Sein ist grundlegender als alles, was ein Mensch sich und andere vielleicht antut.
Niemand ist außerhalb der Gnade Gottes.
Bei der letztjährigen Gemeindeversammlung haben wir miteinander beschlossen, „Willkommensgemeinde“ zu werden. Damit wollten wir öffentlich machen, dass wir alle Menschen in Gottes Namen willkommen heißen und nicht aufgrund von sexueller Orientierung oder Geschlecht diskriminieren wollen.
Damals kam die Frage auf, warum denn der Begriff Willkommensgemeinde so auf die Aufnahme sexueller Minderheiten bezieht und ob wir nicht vielmehr daran arbeiten sollten, alle Menschen willkommen zu heißen. Ich kann diesem Gedankengang vieles abgewinnen. Wir sollten uns aufmachen, alle Menschen wirklich willkommen zu heißen! Aber lasst uns dabei nicht über die reale und tiefsitzende Ablehnung, die queeren Menschen, in Gemeinden widerfahren ist und immer noch häufig widerfährt hinwegsehen. Mit unserem klaren Bekenntnis stellen wir uns in die Fußstapfen Petri.
Und wer weiß, vielleicht lernen wir dabei auch, für andere Menschen offener zu werden?