Gottesdienst – ein Spiel?

Was ist ein Gottesdienst? Ist es hauptsächlich ein Dienst, der mit ernster Miene verrichtet wird? Oder ist eine Feier, wie in der Formulierung „wir feiern Gottesdienste“ anschwingt?
Ich möchte dich einladen, einmal so zu tun, als ob Glaube etwas mit Spiel zu tun hätte. Tausche deine normale Brille ein, gegen eine neugierige, spielerische. Danach kannst du überlegen, wie dir die Brille steht und wie dir das gefällt, was du damit entdeckst. Lasst uns das Experiment wagen, einmal mit dem Gedanken zu spielen, als ob der Gottesdienst ein gemeinsames Spiel des Glaubens sei oder sein könnte. Seid keine Spielverderber, spielt mit!

In Sprüche 8 lesen wir:

„Gott hat mich, die Weisheit, am Anfang der Schöpfung erschaffen… Ich war dabei, als Gott dem Meer eine Grenze setzte und dem Wasser verbot sie zu überschreiten. Als er dann die Fundamente der Erde legte, stand ich ihm als Handwerkerin zur Seite. Ich war seine Freude Tag für Tag und spielte vor ihm allezeit. Ich spielte auf seinem Erdenrund und meine Freude war es, bei den Menschen zu sein.“

Im Theologiestudium hatte ich gelernt, dass dieser Text eine breite Wirkungsgeschichte hat. Die Idee, dass die Weisheit vor allen anderen Werken Gottes erschaffen wurde und bei den anderen Schöpfungswerken dabei war, entwickelte sich mit der Zeit zu einer Idee der Präexistenz der Weisheit, vor allen anderen Geschöpfen. Diese Idee, die sich auch ganz gut deckte mit griechischen Ideen einer kosmischen Vernunft oder Logos, finden wir dann zum Beispiel im Prolog des Johannesevangeliums: „Am Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott.“

Soweit so gut, aber irgendwie ist in dieser ganzen historisch-kritischen Abhandlung die spielerische Freude abhanden gekommen, die den Text ausmacht!

Wenn ich den Text mit meiner spielerischen Brille lese, höre ich ihn mit der Stimme einer etwas vorlauten und halbstarken Tochter, die das Staunen noch nicht verlernt hat und stolz erzählt, wie viel sie geholfen hat: 

„Der Herr hat mich, die Weisheit, am Anfang seiner Schöpfung erschaffen… Ich war dabei, als Gott dem Meer eine Grenze setzte und dem Wasser verbot sie zu überschreiten. Als er dann die Fundamente der Erde legte, stand ich ihm als Handwerkerin zur Seite.“

Und das Ganze gipfelt im selbstvergessenen Spiel der Weisheit, dass das Herz des Schöpfers entzückt:

„Ich war seine Freude Tag für Tag und spielte vor ihm allezeit. Ich spielte auf seinem Erdenrund und meine Freude war es, bei den Menschen zu sein.“

Das Spiel als Gipfel der Schöpfung! Tanz als vollkommener Ausdruck dessen, Gottes Willen zu leben! Dies ist eine spannender Parallele zum ersten Schöpfungsbericht in Genesis 1, wo die Schöpfung nicht wie oft behauptet im Menschen gipfelt, sondern im Sabbat, dem Ruhetag, an dem selbst der Schöpfer zur Ruhe kommt in der Freude, dass alles sehr gut ist.

Und noch etwas wird deutlich: die Menschenfreundlichkeit der Weisheit.

„meine Freude war es, bei den Menschen zu sein.“

Die Weisheit hilft dem Menschen, das Potential seines Lebens auszuschöpfen und dabei das Leben Anderer zu ermöglichen. Gerechtigkeit und Wahrheit, Klugheit und Besonnenheit, Einsicht und Stärke all die Früchte der Weisheit die sie in ihrer Werbung verspricht, klingen beim ersten Hören etwas trocken, aber tatsächlich sind sie, gerade im Zusammenspiel miteinander und in der Spannung zueinander unabdingbar für ein gelingendes Leben. Weisheit kommt gerade im Spielen und Experimentieren zu ihrem Ziel. Das heißt auch, Spielen gehört konstitutiv zum Menschsein. Ganz ähnlich schreibt Schiller in den Briefen zur Erziehung des Menschengeschlechts: „der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“

Wir können sogar noch einen Schritt weitergehen: Spielen gehört nicht nur zum Menschen. Gott selbst freut sich über die spielerisch menschenfreundliche Weisheit, denn in ihr spiegelt sich die Menschenfreundlichkeit Gottes. Genesis 2 erzählt von einem Gott, der spielerisch die Welt erschafft. Wie ein Kind spielt er mit dem Schlamm und formt er den Menschen und alle Geschöpfe aus der Erde und haucht ihnen die eigene Schöpferkraft ein. In der Weisheit hat Gott ein Gegenüber, eine Art Mitspielerin. Und gemeinsam schaffen sie die Erde, als Spielfeld und Bühne, als Spielplatz des stets sich entfaltenden Spiels der Schöpfung. Gemeinsam schaffen sie die Menschen als Mitspielerinnen und Mitspieler! Denn zusammen macht das Spielen mehr Freude.

Zum Nachdenken:

Der niederländische Kulturwissenschaftler Johan Huisinga definierte in seinem einflussreichen Buch „Homo Ludens“ (Der spielende Mensch) Spielen wie folgt:

Spielen ist:

  1. Eine freiwillige Handlung oder Beschäftigung
  2. die innerhalb gewisser festgelegter Grenzen von Raum und Zeit
  3. nach freiwillig angenommenen, aber unbedingt bindenden Regeln verrichtet wird,
  4. ihr Ziel in sich selbst hat und
  5. begleitet wird von einem Gefühl der Spannung und Freude und
  6. einem Bewusstsein des Anders-Sein, als das gewöhnliche Leben.

Ist dies nicht auch eine treffende Beschreibung eines Gottesdienstes?
Was müsste sich ändern, um den spielerischen Charakter des Glaubens stärker herauszuarbeiten?

Benjamin Isaak-Krauß (*1992) spielt am liebsten Brettspiele
Ko-Pastor der Mennonitengemeinde Frankfurt am Main.