
Manchmal habe ich das Gefühl, dass die Bibel nicht auf mein Leben zutrifft. Vor allem, wenn ich Levitikus lese.
Aber heute spricht mich dieser Vers aus der Monatslosung direkt an, spricht in meine Zeit, in meine Welt. Gott ist manchmal schon seltsam – und herausfordernd:
Wenn bei dir ein Fremder in eurem Land lebt, sollt ihr ihn nicht unterdrücken.
Leviticus 19,33
Während Trump in den USA die bisher höchste Zahl an Abschiebungen verspricht, stehen in Deutschland Wahlen an. Dieser Bibelvers erinnert uns daran, dass Christsein politisch ist.
Die Entscheidung, den Fremden zu lieben, den Nächsten zu lieben, den Feind zu lieben – das sind nicht nur Dinge, die an einem Sonntagmorgen geschehen, sondern politische Haltungen. Haltungen, die beeinflussen können, wie wir wählen – und noch viel mehr.
Wenn ich darüber nachdenke, was es bedeutet, ein Fremder zu sein, fällt mir auf, wie eng die Geschichten miteinander verbunden sind:
Jesus war ein Flüchtling. Als kleines Kind flohen Jesu Mutter und Stiefvater aus ihrer unsicheren Heimat und fanden Zuflucht in Ägypten. Meine Urgroßeltern flohen vor Verfolgung, Hunger und Gewalt und fanden Zuflucht in einem neuen Land, lernten mühsam eine neue Sprache und bauten sich nach und nach ein neues Zuhause auf. Viele andere in dieser Gemeinde haben ähnliche Geschichten. Ich selbst bin hier fremd – ich lerne eine neue Sprache, knüpfe neue Beziehungen, baue mir ein neues Zuhause auf.
Migration ist menschlich.
Seit Anbeginn der Menschheit sind Menschen aufgebrochen und auch in der Zukunft werden ungeachtet jeglicher politischer Entscheidungen Menschen sich aufmachen, ob aus Not oder auch einfach nur um ein besseres Leben zu suchen. In der Bibel begegnet uns Migration vor allem aus der Innenperspektive. Das Volk Gottes selbst ist nomadisch, muss fliehen oder wird vertrieben.
Jesu Lehren, die Schwächsten, die Verlorenen und die Ausgegrenzten zu schützen und für sie zu sorgen, passen in das Muster der Gesetze des Alten Testaments: Unterdrücke nicht diejenigen, die es ohnehin schon schwer haben.
Der Vers fährt fort: „Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid selbst Fremde in Ägypten gewesen. Ich bin der HERR, euer Gott.“
Fremde freundlich aufzunehmen und sie gleichberechtigt zu behandeln, ist Teil unseres Gottesdienstes.
Wir werden an den Exodus Gottes erinnert, der sein Volk aus der Sklaverei befreit hat. Wir werden daran erinnert, dass wir ebenfalls verwundbar sind und wir Teil des wandernden Gottesvolkes sind.
Wir werden daran erinnert, dass unser Gott ein Gott ist, der Unrecht hasst und aus Unterdrückung befreit, der neue Heimat schenkt und genug für alle bereit hält.
Was können wir also tun?
Ein paar Vorschläge:
- Bevor Du wählen gehst, setz dich mit der Haltung deiner Partei gegenüber Ausländern in Deutschland auseinander. Entspricht sie dem, was Gott will – Güte, Gerechtigkeit, Fairness und Befreiung für den Fremden?
- Sprich mit deiner Familie und Freunden oder bei der Arbeit mit deinen Kollegen über diesen Vers. Suche besonders das Gespräch mit Menschen, die selbst nach Deutschland gekommen sind und von Gesetzesänderungen direkt betroffen sein werden.
- Bitte Gott, dass er Fremde in Dein Leben bringt, damit Du üben kannst, Menschen willkommen zu heißen und sie konkret zu unterstützen.
- Lade jemanden, der neu hier ist, zu einem selbstgekochten Essen ein. Gemeinschaft, gerade beim Essen, ist ein ausgezeichneter Weg anzukommen und Sicherheit zu finden.
- Nimm an einer Demonstration teil und halte diesen Vers auf einem Schild hoch.
Rianna Isaak-Krauß